Dienstag, 28. November 2017

Closed Circles

Es haben sich wieder einmal viele Kreise geschlossen. Mein ursprünglich erstes Ziel in Japan ausserhalb Tokios, Mount Fuji, markant und sagenumwoben und von weitem attraktiver als von nahe, war schlussendlich das letzte. Ein paar Bilder bei Eastern Honshu hinzugefügt. Der wundervolle, freuderfüllte, 37-tägige, 4500km lange Kreis mit dem Auto natürlich. Zurückgegeben war dieses schnell, keine Beanstandungen oder zusätzliche Kosten, trotz überschrittener Maximalkilometern und vorgezeigter Delle von einem fliegenden Kiesel, der die Windschutzscheibe um einen Zentimeter verfehlt hat.

Ich konnte zu meiner Freude mehr Zeit mit Shiho verbringen, da ihr einwöchiger Trip nahe an meiner Route lag. Sie ist Hostelbesitzerin, harte Nuss, schlaue Freidenkerin, Zuspätkommerin, Alien (laut ihrem Vater), Tochter von Aliens (laut ihr), Smartphoneaussteigerin, und hat mir enorm viel zur japanischen Sprache und Kultur beigebracht. Obwohl ich immer noch nicht weiss, ob sie mich veräppelt hat, als sie mir beibringen wollte, eine Ecke des Essstäbchen-Papiers umzufalten am Ende der Mahlzeit.

Ausserdem hat es endlich doch noch geklappt, meinen Freund Yusuke wiederzusehen, den ich 2013 in den USA getroffen habe. Er war damals 21, schon in 39 Ländern gewesen ohne es seinen Eltern zu sagen, hatte den Film "Into The Wild" über 300mal geschaut und wollte in der Wildnis von Alaska hiken gehen. Das hat er inzwischen getan, in einem kalten März, und hätte es mangels Ausrüstung und Vorbereitung dabei seinem Vorbild Christopher McCandless um ein Haar auch in Sachen Tod gleichgetan. Doch er besitzt noch alle Zehen, und hat gemäss eigener Aussage die letzten 4 Jahre geschuftet wie ein Hund, 6 Tage pro Woche, 12 Stunden pro Tag, ohne wirklichen Unterbruch, um auf einen beeindruckenden Kontostand zu kommen, den er zu einem Teil für seinen im nächsten Jahr beginnenden zweijährigen Trip um die Welt verwenden wird (wohin weiss er nicht, nur dass er kein Flugzeug nimmt, autostoppt und im Zelt und auf Couches übernachtet). Sonntags gehen er und seine Verlobte Miku immer in den gleichen Park am Meer, und starren hinaus "Richtung Brasilien". Sie werden heiraten und dann zusammen zu diesem Abenteuer aufbrechen, von dem sie jetzt nicht sprechen, weil sie dann nicht mehr arbeiten könnten. Wenn er zurück ist, will er die Firma seines Vaters (mit dem er Zeit seines Lebens drei Stunden gesprochen hat) übernehmen, sie verkaufen, sich ein anderes Geschäft aufbauen, für das er nicht viel arbeiten muss, und mit dem er nicht viel Geld verdient. Denn er brauche nicht viel. Ich glaube er war der erste, der in mir eine Faszination für die Verschiedenartigkeit der japanischen Kultur geweckt hat, obwohl er selbst kaum Teil davon ist. Umso spannender, ihm wieder zu begegnen, nach dem Trip und nicht zu Beginn, wie wir ursprünglich geplannt hatten.

Und dann ging es einmal mehr so auf, dass Schibé am gleichen Ort landet, er musste aber auch seinen Hut einsammeln, den er im Auto vergessen hatte. Er ist 43 und beginnt gerade ein komplett neues Lebenskapitel, in dem er zwischen dem Reisen gerne irgendwo bleiben würde (Japan ist hoch oben auf der Wunschliste), möglicherweise als Französischlehrer. Lebemann, Ulknudel, Intellektueller. Wir zwei und Clément fliegen alle morgen aus Tokyo ab, in unterschiedliche Richtungen. Clément blieb aber noch einen Tag länger beim paradiesischen Wildzelten auf der südlichen Insel Yukushima und wird den Flughafen nicht verlassen, so dass ich ihm wohl nicht mehr begegne, dieses Mal.

Schliesslich zur japanischen Lebenskultur, zu den zwei Gesichtern, Tatemae und Honne, und den Hikikomori (s. drei Einträge zuvor). Ich habe diese Themen unterwegs bei jeder Gelegenheit angesprochen, das war eine einzige faszinierende Reise innerhalb der Reise. Auch wenn das jetzt möglicherweise etwas zu lang wird, ein paar meiner momentanen Ansichten daraus.

Das Unterscheiden davon, ob eine Person echt freundlich oder nur freundlich professionell ist, funktioniert genau gleich wie überall sonst: Wenn das Lächeln die Augen erreicht, ist es Ersteres.

Der Unterschied zwischen unserer und der japanischen Kultur kann am ersten durch den Gegensatz Individualismus/Kollektivismus auf den Punkt gebracht werden. Der Individualist kümmert sich zuerst um sein eigenes Wohlbefinden und denkt, dass eine Gesellschaft dann gut funktioniert, wenn sie aus glücklichen Individuen besteht (oder sie ist ihm egal). Der Kollektivist kümmert sich in erster Linie um die Gesellschaft und denkt, dass eine gut funktionierende Gesellschaft seine Individuen glücklich macht (oder sie sind ihm egal). Japaner sind bereit, ihre persönlichen Gefühle der grösseren Ordnung (Harmonie, Balance) unterzuordnen. Wie alles hat dies positive und negative Auswirkungen.

Die positiven: Der allgegenwärtige Respekt und die Höflichkeit, die Umgangsformen, so bestimmend und identitätsstiftend für Japan, sind eine Wohltat. Für mich zeigt das kurze Verneigen nicht nur Respekt, es erzeugt ihn auch. Da das Kollektiv wichtiger ist, sind auch kleine Beiträge dazu wertvoll und der Eigenwert ist nicht so stark vom persönlichen beruflichen Erfolg abhängig. Es ist auffallend, wie viele "schlechte" Jobs es in Japan gibt, eine unheimliche Anzahl von Leuten, die sich auf Baustellen, Parkplätzen, in Einkaufsmeilen die Beine in den Bauch stehen, und den ganzen Tag mit einer Fahne wedeln, die gleiche Handbewegung wiederholen, sie ignorierende Leute versuchen anzusprechen. Doch kaum je spürt man dabei eine Unzufriedenheit. Das steht nur im scheinbaren Widerspruch zum enorm angestrengten Einsatz in Schule und bei der Arbeit: Das Resultat ist weniger wichtig, als den bestmöglichen Effort abzuliefern (一生懸命頑張る: try your hardest). Auch die tiefe Verbrechensquote lässt sich hierin begründen. Wenn es weniger Leute gibt, die ihre Situation als ungerecht und unbefriedigend erachten, werden weniger Leute zu illegalen Mitteln greifen, um sie zu verändern.

Die negativen Seiten liegen für uns auf der Hand: Geringere persönliche Freiheit, unausgesprochene und unverarbeitete Probleme, stärkerer Druck und Normen aus der Gesellschaft. Viele Leute, die daran zerschellen, sich schamvoll zurückziehen oder ausgegrenzt werden. Ca 95% der Japaner, die ich fragte, gaben an einen Menschen zu kennen der Hikikomori ist/war. Psychische Schwierigkeiten zu haben oder arbeitslos zu sein sind noch einmal deutlich stärker stigmatisiert als bei uns, weil von der Norm abweichend, was zu einem Teufelskreis führt.

Beidseits gibt es meines Erachtens klare Fehlvorstellungen. Viele Japaner setzen Individualismus mit Egoismus gleich, und verkennen damit, dass man auch aus freien Stücken entscheiden kann, hilfsbereit und gesellschaftsdienlich zu sein. Währenddessen ist es komplett falsch zu vermuten, dass Japaner bloss ernst und deprimiert durch's Leben gehen, sie engstirnig oder wie Roboter sind. Tatsächlich wird auf der Strasse wenig laut gelacht, aber das ist bloss der (verfehlten) Idee geschuldet, dass andere Leute nicht damit belästigt werden sollen. Es gibt viele Japaner mit äusserst sonnigen Gemütern, die genau so gerne lachen wie wir, auch wenn sie im Schnitt wohl introvertierter sind. Und zumindest die Japaner, die ich etwas näher kennengelernt habe sind fast durchgehend enorm neugierig und offen für neue Ideen. Mit diesen Themen konfrontiert entwickeln sie innerhalb vom Gespräch neue Theorien und sind absolut fähig, das System zu hinterfragen.

Etwas, das die junge Generation aktiv tut, sind sich alle einig. Es liegt deshalb nahe, dass die japanische Kultur bald Änderungen zu verkraften haben wird. Der ausländische Einfluss wird ständig grösser, neben einer sowieso globalisierten Welt sprechen immer mehr Japaner gutes Englisch und treten in Kontakt mit dem Ausland. Ausländische Besucher in Japan nehmen rasant zu, es sind heute etwa 4mal (!) so viele wie noch vor 6 Jahren. Es sind Bestrebungen im Gange, Austauschjahre zu fördern. Ich habe mit mehreren AustauschstudentInnen gesprochen, und sie meinten alle, das Ausland (USA oder Kanada) hätte sie stark geprägt, sie kämen zurück und teilten viel unverblümter ihre Meinung mit, seien insgesamt expressiver, ecken vielerorts an, und gewöhnen sich dann langsam wieder ein. Gefragt danach, welche Art ihnen besser gefällt, antworten sie alle ohne zu zögern, es sei die Westliche. Das scheint mir ein ziemlich handfester Hinweis, dass kaum eine individuelle Resistenz vorhanden ist. Während dieser Prozess kaum aufzuhalten ist, wird die Welt dadurch ein Stück kleiner, gleichartiger, weniger faszinierend zu bereisen, und ich hoffe es bleiben noch lange grosse Unterschiede bestehen.

Ein paar japanische Eigenartigkeiten:
  • Japanische Restaurants haben kaum je Servietten. Kluge, unordentlich essende Ausländer tragen eigene herum. Sage ich mir jedes Mal, wenn ich wieder keine habe.
  • Japanische Restaurants haben so kleine Portionen, dass ich am ersten Tag drei Mal Abendessen bestellen musste, um satt zu werden. Ausserhalb von Tokio ist das etwas weniger schlimm, und wenn man wirklich Hunger hat, haben viele indische Restaurants gratis zusätzliches Naan und Reis.
  • Japaner verstehen nicht, wieso ein Tourist indisch essen geht, wenn er in Japan ist. Besser man sagt es niemandem.
  • Japaner bekommen von ihren Eltern tatsächlich beigebracht, die Reisschale bis auf das letzte Korn zu leeren. Andere Speisen sind da weniger entscheidend. Ausländer geniessen aber Amnestie.
  • Japanische öffentliche Plätze haben gründsätzlich keine Mülleimer. Als Anti-Terror Massnahme (Saringas-Attacke 1995), und weil es funktioniert. Convenience Stores springen auch hierbei in die Bresche.
  • Japanische Toiletten haben fast alle eine Sitzheizung und ein eingebautes Bidet, manche öffnen und schliessen den Deckel automatisch. Scary.
  • Japaner haben eine Vielzahl von Lauten, um Verständnis, Erstaunen, Beipflichten, Interesse und vieles mehr ohne wirkliche Worte auszudrücken. Zweien Meistern dieser Kommunikation zuzuhören ist ein Vergnügen, die Rollen von Lautmaler und Wortführer werden ständig getauscht aber beide sprechen fast durchgehend. Wie ein Tanz, ein Duett.
  • Japaner tragen oft Gesichtsmasken. Gegen Krankheit, gegen Schadstoffe. Und ziemlich sicher gegen Schüchternheit.
  • Japaner haben sich inzwischen daran gewöhnt, dass Touristen ein paar Brocken Japanisch sprechen und mit Stäbchen essen können. Wer Reaktionen hervorrufen will, sollte möglichst viel Slang lernen. ちょお寒い (Choosamui)! Damn cold!

Samstag, 18. November 2017

Crystal Trees

Nach zwei Fähren und einem tollen selbstgebauten Holzhaushostel habe ich im Süden von Kyushu bald mal umgedreht, es hat aber noch gereicht für eine kleine Wanderung um einen Kratersee gegenüber vom aktiven und rauchenden Vulkan Mount Kirishima. Dieser ist 2011 letztmals ausgebrochen und es sind kilometerweit entfernt immer noch Spuren seiner Asche zu sehen. Danach ging es Richtung Onsen-Hauptstadt Beppu, mit der Vorfreude meine Japan-Adoptivfamilie dort wiederzufinden.

Onsen sind Bäder bei natürlichen heissen Quellen. Es gibt tausende hier, auf diesen auf vier tektonischen Platten balancierenden Inseln, fast immer findet man eines in der Nähe. Ihnen werden aufgrund ihrer Mineralhaltigkeit auch Heilkräfte zugeschrieben. Liest man vorgängig etwas zu Japan, klingen die Verhaltensregeln in Onsen recht kompliziert, bis hin zu einschüchternd. In Tat und Wahrheit sind sie einfach und schnell erklärt. Die einzige richtig wichtige Regel ist, dass die Quelle stets sauber zu halten ist. Wie fast überall in Japan lässt man die Schuhe im Eingang zurück. Entkleidet sich komplett, wäscht sich sehr gründlich bei den Stühlen/Duschen sitzend, lange Haare zusammenbinden, bevor man das heisse Wasser selbst betritt. Dort sollte man sich einigermassen würdevoll aufführen, also keine Plätteler vom Beckenrand. Wenn's zu heiss wird abkühlen, aufpassen beim schwindligen aufstehen. Ein paar mal wiederholen, am Ende wieder waschen. Leute mit Tattoos werden hin und wieder abgewiesen (war ursprünglich gegen die Yakuza gerichtet, die japanische Mafia - heute hat man den Eindruck, sie wissen den Grund selbst nicht so genau), aber mehrheitlich scheint das (zumindest für Ausländer) trotzdem zu gehen. Die meisten Onsen sind nach Geschlechtern getrennt.

Nach dem gefreuten Wiedersehen fanden wir heraus, dass wir uns schon wieder alle auf eine gemeinsame Richtung einigen und das endgültige Adieu noch etwas verschieben können, und nahmen die Fähre auf die Insel Shikoku, viertgrösste Japans nach Honshu, Hokkaido im Norden und Kyushu. Dort kamen wir in einem Love-Hotel unter, welche in Japan fast so häufig sind wie Onsen, und stundenweise gebucht werden können. Viele scheinen aber inzwischen den Touristenmarkt entdeckt zu haben, und inserieren auch auf den Hostel-Buchungsseiten. Sie können ein enorm gutes Preis-Leistungsverhältnis bieten, wenn man keine Probleme damit hat, an der Rezeption etwas verwirrt gemustert zu werden, andere Gäste verschämt vorbeihuschen zu sehen, im TV nicht jugendfreie Sender zu finden, und auf dem Bettstand einen Vibrator liegen zu haben. Falls ihr jetzt denkt, noch nie das davon gehört zu haben, seht euch mal euer Emoji-Set auf Whatsapp oder Facebook oder ähnlichem an...:).
Der Erfolg der Love-Hotels in Japan ist unter anderem in der beschränkten Privatsphäre traditioneller japanischer Häuser (Minka) begründet. Diese haben Zwischenwände und Schiebetüren aus Holz und Papier (Shoji), welche Licht und Feuchtigkeit, aber halt auch Kälte und Lärm durchlassen. Die Böden bestehen aus Tatami-Matten, welche aus Reisstroh gefertigt, in der Grösse genormt sind (1.62m2), und auch als Flächenmass verwendet werden (z.B. ein 6-Tatami-Raum). Tatami-Matten sind für mich beeindruckend, fühlen sich durch die dichte Flechtung zwar hart an aber sind dennoch elastisch. Man kann sogar direkt darauf liegen, aber für die Nacht wird dann doch ein Futon ausgerollt. Auch wenn sie Charme haben, abgesehen vom Tatami habe ich inzwischen so ziemlich genug von den traditionellen Häusern. Der aufziehende Winter macht sie oft frierend, die meisten Schiebetüren sind störrisch, und teilweise eingesetzte Glasfenster in den Türen sind ein einziger klirrender Konstruktionsfehler, der sich bei jedem draussen vorbeifahrenden Auto zitternd meldet.

Özlem, Aline und Clément gingen Richtung Tempel-Meditation, und ich erkundete mit JB noch weiter die Insel, die im Iya Valley inzwischen ebenfalls in herbstlichem Farbenfreudenfest leuchtete. Highlight davon war ganz klar die fast menschenleere Wanderung rauf auf Mount Miune (1893m), etwa 900 Höhenmeter meist durch inwischen grösstenteils entblätterten Wald, zuoberst ein tiefgefrorenes Wunderland aus Frost. In einer stupenden Umkehr des Gewohnten waren die Bäume und Sträucher weiss, der Boden aber noch nicht verschneit und in Farbe. Nur widerwillig, der sinkenden Sonne und der Kälte Tribut zollend, liessen wir diesen magischen Aussichtsort zurück. Absteigen mit voller Seele und Leonard Cohen in den Ohren, davonfahren im Sonnenuntergang.

Am nächsten Tag reichte es, um Aline und Özlem kurz vor ihrem Abflug von Osaka nach Thailand am Flughafen noch einmal zu überraschen - weil wir doch Abschiede so mögen ;). Aline und Clément hatten es besonders hart, waren nach einer verrückten Zeit in Japan noch enger verbunden.

Heute regnet es, morgen schneit es vielleicht sogar, und ich habe nur noch wenige Tage das Auto. Einen Flug nach Australien habe ich immer noch nicht, was mir die riesige Freiheit gegeben hat, diesen Besuch in Japan auszudehnen wie ich wollte. Ich hoffe Mount Fuji und in Tokyo noch einige Freunde zu sehen, danach freue ich mich aber auf die Wärme auf der Südhalbkugel. Nach ein paar organisatorisch intensiven Momenten hat Captain Dan an der Gold Coast inzwischen tatsächlich ein Auto für mich kaufen können, ich werde mit einem Mitsubishi Pajero unterwegs sein... Den letzten habe ich 2014 in der Nähe von Uluru abgefackelt, das muss ich aber nicht unbedingt wiederholen ;).

Mittwoch, 8. November 2017

Home of the Sun


Die alte Hauptstadt Kyoto gefiel mir in verregneten zwei Tagen vor allem durch ihren Bahnhof, der ein architektonisches Highlight ist.
An einem Morgen kurz nachdem ich wieder alleine unterwegs war, nutzte ich die damit verbundene kurze Entscheidungsfindung und verwarf den eigentlichen Plan Hiroshima, um nach Norden auf die andere Seite der Hauptinsel Honshu zu fahren, was sich als super Idee herausstellte. Denn dort traf ich auf die Präfektur Shimane, wo die Bevölkerungsdichte kleiner, das Leben langsamer, die Menschen noch einmal freundlicher, die Tempel und Schreine eindrücklicher, und das Meer auf der richtigen Seite ist. 

Letzeres, weil: Für mich spricht einiges dafür, den Sonnenuntergang gegenüber dem -aufgang zu bevorzugen. Extra früh aufstehen kollidiert tendenziell mit meinem Konzept von Ferien, auch hat man den ganzen Tag Zeit sich auf den Untergang zu freuen, und der fallende Nachtvorhang zum Schluss sorgt für mehr Dramatik. Besonders spektakulär und eindrücklich natürlich, wenn es in ganzer feuerwässriger Farbenpracht im Meer geschieht, was bekanntlich für den Untergang nur an der Westküste der Fall ist. Vielleicht sind mir daher Westküsten immer wieder am sympathischsten... Schottland, Irland, Australien, USA, und jetzt auch Japan. 

Eine einzige Freude jedenfalls, in Shimane zu sein. Für die Leute, die Himmel und Hölle in Bewegung setzen um zu helfen, für die Natur, die ständig neue Prachtstücke preisgibt, manchmal wütet, und jeden Abend von Neuem verzaubert.
Das Zwei-Gesichter-Thema wurde nur noch interessanter mit jedem neuen Menschen, mit dem ich es besprechen konnte. So faszinierend ist Japan inzwischen, dass ich von meiner Australien-Zeit hergebe um länger hier sein zu können, und das Mietauto etwa fünf Wochen behalten werde anstatt der angepeilten drei. Gerade bin ich auf der Insel Kyushu in der Nähe von Nagasaki, wo die Gedenkstätte für die Opfer der Atombombe ungemein bewegend ist. Ich werde wohl noch bis in den Süden von Kyushu fahren können, bevor ich den langen Rückweg nach Tokio unter die Reifen nehme, mit Umweg über die Insel Shikoku hoffentlich.

Nach etwa zwei Wochen rumreisen und anhand einiger überraschter Reaktionen wurde mir bewusst, dass ich noch keinen einzigen Ausländer im Auto sitzen gesehen habe. Es war mir schon klar, dass fast alle den Japan Railpass lösen (ein Angebot extra für Touristen), und ich habe ja auch einige der Nachteile eines Autos in Japan aufgeführt. Trotzdem überrascht mich das, und ich habe seither bei Hostelbesitzern nachgefragt, welche alle meinten, ich sei der einzige Ausländer mit Auto, der nicht in Japan wohne (und ausserdem verrückt). Das ist natürlich kein Problem für mich, so komme ich mir wie was Besonderes vor, und ohnehin ist das Mietauto garantiert der bessere Weg, Japan zu sehen :).

Auf die Gefahr hin zu langweilen, ein bisschen was zur japanischen Sprache. Weil, es beschäftigt mich! Sie ist in gewisser Weise genau umgekehrt zum Koreanischen, was die Schwierigkeiten angeht: Es ist einfach ausgesprochene Wörter zu verstehen, und furchtbar schwer, sie zu schreiben oder zu lesen. Ersteres liegt an der Armut an Lauten (Phoneme inklusive Diphthonge), sie hat gerade mal 24, gegenüber 48 im Deutschen, und 49 im Englischen. Letzteres liegt daran, dass die Japaner einen Flick furt haben und drei Skripte verwenden um die paar Laute zu schreiben. Ihre zwei ursprünglichen (Hiragana/Katakana, je 46, vergleichbar mit unseren Klein-/Grossbuchstaben, ein Zeichen steht fast immer für Konsonant+Vokal), und dann als kleine Zugabe über 2000 importierte chinesische Schriftzeichen (Kanji, Wörter). Am Rande, viele Japaner benutzen zudem eine Tastatur mit lateinischem Alphabet.
Ich habe einige Rechtfertigungen gelesen und gehört, wieso die Kanji nötig seien, nichts davon überzeugend. Ich glaube sie mögen sie einfach. Es geht aber noch weiter... Fast alle dieser Kanji haben, anders als im Chinesischen, mehrere Aussprachemöglichkeiten und Bedeutungen! Kleines Beispiel, ein Ort der "Grosser Berg" heisst: 大山. Nun kann gross (大) O, Tai oder Dai ausgesprochen werden,  und Berg (山) Yama, Sen, oder San. Die meisten Japaner sagen dem Ort, wenn sie ihn zum ersten Mal sehen, Oyama. Heissen tut er tatsächlich Daisen, ist ja fast das Gleiche, und herausfinden kann der Besucher das bloss, indem er einen Ortsansässigen fragt oder ein englisches Schild findet. Stattdessen könnte das ganze in Hiragana geschrieben werden: だいせん, kaum länger und eindeutig. Reiner Wahnsinn. Muss ich lernen.

Sonntag, 29. Oktober 2017

Vagabondes

In Tokio anzukommen war wie aus dem immergrünen Wald auf eine farbige Blumenwiese zu treten - auf der es leider ständig regnet.
Die Menschen scheinen deutlich verschiedenartiger in ihrer Erscheinung und ihrem Stil als in Korea. Das dürfte nicht nur mein Eindruck sein, jedenfalls sagte mir ein koreanischer Musiker, er beobachte bei sich zuhause eine fortschreitende Vereinheitlichung der Bevölkerung und der Kultur. Tokio ist mit etwa 38 Millionen Einwohnern die mit Abstand grösste Stadt der Welt, was man aber wohl erst nach längerer Zeit dort gefühlsmässig erfassen kann.

Die meisten Touristen in Japan benützen die schnellen, gut ausgebauten, teuren öffentlichen Verkehrsmittel. Ich denke aber, dass man per Auto oder Hitchhiken deutlich mehr vom Land zu sehen kriegt, freier ist, es einfacher ist vom Touristenpfad abzuweichen. Nachdem mein Führerschein auf japanisch übersetzt war, machte ich mich deshalb auf die Suche nach einem Mietauto, welches ich dank der Hilfe der enorm liebenswürdigen Hostelbesitzer Isa und Yumiko auf einer rein japanischen Webseite eines kleinen lokalen Vermieters schliesslich zur Hälfte ($500/Monat) der übrigen Preise fand. Klein, wenig Kraft, hässliche Farbe, aber braucht nur wenig Benzin und fährt bis jetzt, meistens. Weitere Schlaglöcher für einen Roadtrip in Japan sind die exorbitanten Mautgebühren auf den Autobahnen (Tokio-Fukuoka ca. $230), teure Verkehrsbussen, japanische Schilderwälder und Ampelgärten, enge Strassen, und in den Städten fehlende Gratisparkplätze und häufiger Stau. Und doch bereue ich die Entscheidung bis jetzt kein bisschen. Da ich mir die Autobahn nicht leisten will, werde ich vom Smartphone-Navi ständig auf kleine Strassen (die alle ein Geschwindigkeitslimit von 30-50km/h haben), durch kleine Käffer und über Berge umgeleitet.
Von Tokio fuhr ich in die japanischen Alpen und nach Nikko, im Gedanken dass der Winter nicht weniger wird. Der ständige Regen wich auf etwa 1700m dem Schnee, und ich konnte die farbigen Bäume im trüben Wetter nur erahnen. Nagano übt auf mich mehr als jeder andere Ortsname in Japan eine Anziehungskraft aus, möglicherweise aufgrund der olympischen Winterspiele von 1998, und liess mich auch nach acht Stunden Autofahrt mit 30km/h Durchschnitt  darauf beharren, dort zu übernachten. Als sie mir im Hostel sagten, es hätte noch andere Schweizer, hielt sich die Begeisterung in Grenzen, schliesslich kann man ja Schweizern in der Schweiz begegnen. Trotzdem fragte ich am Abend bei Wiedereintritt in die Runde, wer nun Schweizer sei, was mit blanken Blicken und dann auf französisch mit dem Kommentar "Ah, il parle allemand!" gewürdigt wurde - so ein arroganter Deutschschweizer, denkt alle Schweizer sprechen Schweizerdeutsch. Die Schweizer stellten sich als die Langzeitreisenden Aline und Özlem aus dem Wallis heraus (https://waaaildminds.wordpress.com/), die mit dem Franzosen Jean-Baptiste ("Schibé") in die gleiche Sozialarbeiter-Schule gegangen waren, und alle arbeiteten sie auf Hokkaido mit dem Franzosen Clément im gleichen WWOOFing (Ökotourismus, Arbeit für Kost und Logie) Projekt. Die vier waren mir sofort sympathisch, was sich in einer späten Nacht in einem ausser uns komplett leeren Dachstock-Café nur festigte.

Am nächsten Morgen fuhren wir zusammen zu den "Snow Monkeys", welche als einzige Affen der Welt in einer heissen Quelle baden. Was sie dann aber doch nicht taten, weil es noch nicht kalt genug war dafür. Trotzdem haben die Affen den Menschen gegenüber eine Zen-Mentalität, die man am besten versteht, wenn man es ihnen in einem der traditionellen japanischen Bäder für Menschen (Onsen) gleichtut. Obwohl der Platz in meinem kleinen Auto für fünf Leute plus Rucksäcke nun wirklich kaum ausreicht, verbrachten wir die nächsten paar Tage gemeinsam unterwegs, fanden im Regen und Glücksmoment den unglaublichst farbigen Wald (die Bilder werden dem Ort in keiner Weise gerecht), in Kamikochi eine schöne Berg- und Sumpflandschaft, in Takayama eine unzerstörte sympathische Stadt, und in Nagoya eine Grossstadt mit für einmal in der Tat beeindruckendem Schloss.

Die vier (oder zumindest die zwei Girls) bevorzugen gratis Alternativen der Übernachtung. Als sie in Matsumoto keinen Couchsurfing-Platz fanden und die Karaokebar auch noch etwas zu teuer schien, fertigten sie um Mitternacht kurzerhand ein Kartonschild, welches auf japanisch nach einem Schlafplatz bittet, was auch funktionierte. Es ist interessant zu sehen, dass man dieses Land auch billiger bereisen kann, auf eine Weise, die ständig Kontakt zu den Besten der Japaner herstellt. Trotzdem ist mir meine Weise lieber, denn auch wenn Aline und Özlem so schlussendlich länger reisen können, verbringen sie wiederholt viel zu viel Zeit damit, die Übernachtung zu finden, und verlieren die Zeit wohl gleich wieder, in Convenience Stores wie 7-Eleven (die sind aber auch tatsächlich extrem praktisch und qualitativ hochstehend, ersetzen Supermarkt, Internet-Café, Bank, Toilette, ...). Zudem dürfte es schwerlich zu verhindern sein, dass man bei einer Gratisübernachtung oder beim Couchsurfing vom Gastgeber teilweise stark unter die Fittiche genommen wird, was wohl ebenso schön wie freiheitsberaubend ist. Wirklich inspirierend sind die vier auf eine andere Weise: In ihrer lebendigen, sorglosen, fröhlichen, ausgelassenen und trotzdem einfühlsamen und intelligenten Art, in einem Zusammensein in dem kaum je Spannungen vorhanden sind weil sie sofort ausgesprochen werden und sich in Heiterkeit verflüchtigen. Glückliche Menschen, mit dem Herz am rechten Fleck, die andere Menschen um sich herum glücklich machen. Eine wahre Freude ihnen begegnet zu sein. Nach einer Woche gemeinsamem Herumreisen haben sich unsere Wege getrennt, ich will noch weiter südwärts fahren können, bevor ich das Auto zurück nach Tokio bringen muss. Da ich ihnen meinen Schlafsack und Matte für eine anstehende Wanderung ausgeliehen habe, sehen wir uns aber wieder.

Japaner haben zwei Gesichter. Das öffentliche, Tatemae ("Maskerade"), ist was die Gesellschaft erwartet (oder erfordert, je nach Blickwinkel), also Freundlichkeit, Höflichkeit und Hilfsbereitschaft, Verhindern von Konflikten. Das private, Honne ("Wahrer Ton"), sind die tatsächlichen Gefühle und Wünsche einer Person, welche nicht öffentlich gezeigt werden, wenn sie nicht mit Tatemae übereinstimmen. Es braucht nur wenig Fantasie, um den Rattenschwanz an Problemen zu sehen, der diesem Konzept folgt. Lügen sind toleriert, sofern sie das öffentliche Gesicht wahren. Da Lügen toleriert sind, kann man in etwas komplexeren Situationen nicht davon ausgehen, dass jemand die Wahrheit sagt. Die wahren Gefühle werden nicht thematisiert, nicht verarbeitet. Jemand, der stark zwischen der Diskrepanz von Honne und Tatemae leidet, darf dies nicht zeigen, leidet noch stärker darunter, die Diskrepanz vergrössert sich, ein Teufelskreis. Ein verwandtes Symptom dieser (aus meiner westlichen Sicht) dysfunktionalen Ideologie sind die Hikikomori ("Gesellschaftlicher Rückzug"), Menschen die sich für lange Zeit (nach Definition mehr als 6 Monate) aus der Gesellschaft zurückziehen und in ihrem Zimmer (meistens bei den Eltern wohnend) einschliessen, jeden Kontakt scheuen. Während dieses Krankheitsbild ganz bestimmt nicht scharf ist und man es auch in anderen Ländern vorkommt, ist es in Japan mit schätzungsweise einer Million Fälle ein flächendeckendes Problem. Posttraumatische Belastungsstörungen werden schon bei uns nicht ausreichend thematisiert, in Japan sind psychische Erkrankungen wie Depression oder Angststörungen viel stärker stigmatisiert, und werden als Scheitern wahrgenommen. Von der Gesellschaft ausgestossen, selbst zurückgezogen, gleicher Unterschied.

Und nun stellt euch meine Überraschung vor, als mich ein gar nicht höflicher Japaner nicht nur anschreit, sondern ich mich auch noch in einem Handgemenge mit ihm wiederfinde. In Matsumoto hat es gleich neben meinem Hostel einen grossflächigen Parkplatz, welcher der Stadt gehört und der mit $3 pro Tag extrem billig ist. Also frage ich beim Parkwächter nach, ob dies so stimmt. Ja, stimmt so. Ich hole mein Auto, will einbiegen, er winkt ab. Macht ein Kreuz mit seinen Armen (machen sie in Asien alle, wenn etwas geschlossen oder kaputt ist), zeigt in die andere Richtung, schickt mich weg. Na gut, vielleicht hat es dort drüben auch einen Eingang zum Parkplatz. Ich fahre einmal rum, finde bloss viel teurere Parkplätze, fahre zurück. Ja wo denn nun genau? Winkt mich immer noch weg. Ich stelle das Auto an den Rand, versuche zu kommunizieren, er bleibt abweisend. Ich zerre den Hostel-Typen aus dem Hostel raus, kann zwar auch kaum Englisch, trotzdem mal übersetzen bitte. Hier geht nicht, morgen ist Wahlsonntag. Ich zeige auf die parkierten und ausfahrenden Autos, mir scheint hier geht es für alle ausser mich. Hier dürften nur lizenzierte Autos rein, und dort drüben hat es einen Parkplatz für den gleichen Preis. Wo? Dort drüben. Ich zerre den Hostel-Typen in mein Auto, zeigen bitte. Einmal rumgefahren, nichts gefunden, ja ok, der Parkwächter hat gelogen. Also stellen wir ihn zur Rede? Rumgestammere. Ich verstehe - das geht nicht, weil wäre ein Konflikt. Mir platzt langsam der Kragen, aber gleichzeitig tut mir der Hostel-Typ auch leid, es ist ihm ins Gesicht geschrieben, wie unwohl er sich fühlt. Kennst du einen anderen Parkplatz? Weiss nichts, von gar nichts, ehrlich. Ich lasse ihn laufen. Suche weit weg vergeblich nach einem Parkplatz, der bezahlbar ist. Stelle ihn auf einen nahen, unbezahlbaren, $1 pro 20min. Treffe mich mit den Anderen. Gehe zurück, unterhalte mich mit Leuten im Hostel, einer ist Japaner und hat sein Auto auf dem ominösen Parkplatz. Was, wegen Wahlsonntag? Nein, kein Problem beim Hinstellen. Reden gehen mit dem Parkwächter? Das dann doch lieber nicht. Der Hostel-Typ meint, eigentlich parkieren immer alle da. Er sei ausserdem unbewacht über die Nacht. Ich bezahle das fällige Lösegeld, parkiere da über Nacht. Fahre früh weg, noch kein Wächter, aber japanischer Warnfötzel auf der Scheibe. Komme zurück und parkiere am Rand vor dem Hostel. Sprint des Parkwächters. 600 yen! Gestern 300 Yen! Heute 300 Yen! Lass mich nächstes Mal rein, dann bezahle ich auch. Will wegfahren, er wird handgreiflich, will mich davon abhalten. Ist eineinhalb Köpfe kürzer, 15 Jahre älter, Japaner, nicht ganz bei Trost, trägt Brille... den kann ich nicht hauen. Steige ein, schliesse Tür, er öffnet sie. Ich schliesse Tür, schliesse ab. Er haut wiederholt gegen die Scheibe mit der Faust. Ich lasse das Fenster runter. Freund, so kriegen wir Probleme miteinander. Er schreit inzwischen. No! No! No! 600 Yen! Police! No! Seine zwei Parkwächterfreunde stehen vor und neben dem Auto, machen nichts und wollen woanders sein. Ich fahre weg, unter Fenstergehaue und Drohgebärden. Halte an einer roten Ampel, überlege. Sie haben mein Nummernschild. Wer kriegt recht? Eher nicht der Ausländer, der kaum japanisch spricht. Sind sechs Stutz. Fahre zurück, sage ihm die Meinung auf Berndeutsch, bezahle brav, und mache mir fortan keine Sorgen wenn ich eine Polizeistreife sehe.

Ich denke es hat durchaus was Lehrreiches, als Weisser auch mal zu spüren wie es ist, rassistisch behandelt zu werden. Der Parkwächter hat in mir bloss einen Gaijin gesehen. Ich habe ihm nichts getan, er hat nichts von mir gewusst, aber meine Hautfarbe hat ihm nicht gepasst. Vielleicht haben ihn mal Touristen schlecht behandelt, oder er hat bloss unbegründete Vorurteile. Es gibt Leute, die dem ständig ausgesetzt sind, so krass.

Sonst halten bisher aber alle an Tatemae fest, überaus freundlich und höflich. Letztes Erlebnis war, wie mich zwei japanische Damen zum Essen mitnahmen, ich bin mir sicher, das war echte Freundlichkeit und Neugier. Oder? Wie weit geht Tatemae, was erfordert es von ihnen, und was kommt freiwillig? Kann ich es intuitiv unterscheiden, weiss ich, was nicht nur Tatemae ist, sondern auch Honne? Spielt es am Ende eine Rolle? Ist das Wahren von Tatemae auch ein wahres Gefühl, und sollte also nicht als verlogen angesehen werden? Sind wir so anders? Konflikten aus dem Weg zu gehen ist auch bei uns weitverbreitete Praktik. Wäre schön, auf diese Fragen eine Antwort zu finden, bevor ich Japan verlasse.

Mit dem Roadtrip ist auch die Musik in meine Reise zurückgekehrt, und ich habe ein paar der prägenden Tracks im Player unten an der Seite hinzugefügt.

Donnerstag, 12. Oktober 2017

Korean Lightshow

Dieser Post kam Englisch leichter aus den Tasten. Müsst halt protestieren, wenn es euch nicht passt :)! Rechts gibt es nun eine Auswahl um die automatische Übersetzung von Google zu aktivieren, welche natürlich nie wirklich gut ist, die grundsätzlichen Aussagen sollten aber verständlich bleiben. Wenn German nicht verfügbar ist, wählt zuerst eine andere Sprache.

Speaking of languages, it was hard to put the same effort into Korean as I did with Russian. But the Korean script (Hangul) is absolutely beautiful. It was invented as late as the 15th century and groups 2/3/4 letters into a syllable square. The alphabet consisting of 19 consonants and 21 vowels is intuitive (similar sounds have similar letters) and is easy to learn. As an example, the very important Thank you is 감사합니다. The roman transliteration would be kam-sa ham-ni-da. The first little syllable square consists of a K (ㄱ), then A (ㅏ), and an M (ㅁ), the second packet is S (ㅅ), and A again, and so on. There are a lot of little quirks I'm sure I haven't understood all, but in essence the script feels better designed than any other I've looked at. Unfortunately, understanding someone who speaks Korean is another matter entirely, partly due to the many vowels and nasal sounds I presume.

So it's mostly down to sign language and finding people with a modicum of English at their disposal if you need anything. The latter proved surprisingly difficult across all age groups, considering how many English influences are present in Korean daily life. Many signs and some restaurant menus are in both languages, announcements in buses and trains are usually bilingual, pop culture uses lots of English, movies are mostly subbed and not dubbed. But of course the languages are very different. Regardless of language barriers, the Koreans I encountered were exceedingly friendly, helpful and polite, with the customary exception of bus drivers - I suppose driving through all those traffic jams is just bound to make you grumpy. While judging by appearance one might suspect Koreans are generally happy people, the highest suicide rate of OECD members tells a darker tale. It is evident that they are under a lot of pressure and stress. To conform to lots of norms and rules, to work a lot (they theoretically have 15-25 annual leave days, but effectively often just take a few days off per year). And of course to look good - it is the most surgically enhanced/changed country in the world, an estimated 1 out of 5 persons have had plastic surgery. One thing which does not add to the stress is the situation with North Korea. Every single person I asked about it just shrugged and said they were not worried. After decades of the same situation without tangible rather than rhetorical escalation, no one seems to think that will ever change.They are also hands down the shiest people I've ever encountered. Most will only curiously peer at you from the corner of their eyes, and when caught immediately look the other way. Once engaged, the shyness falls away to some extent.

To me, the people are South Korea's biggest asset, and the best reason to travel here. I was repeatedly surprised by an encounter, just when I thought I'd mostly figured them out. The landscape is, quite honestly, nothing special. Of course this is always a matter of taste, and someone liking lush greenery might disagree, as the forests are preserved to an astounding degree. Wooded hilltops are alternating with small green valleys mostly used for planting crops. When one hill is slightly bigger, there will be a broad path leading up it, with lots of Koreants in perfect mountain gear scrambling up it to the top, where a landmark is available for celebratory pictures. Maybe I am just spoiled by the incredible vistas and wide open spaces in Central Asia.
Once the night falls however, cities in South Korea light up in forest of bright and colourful lamps and neon signs, which can be very charming and quite enjoyable if you don't think about saving energy. The natural forests are said to turn bright and colourful in autumn as well, I missed that by a hair.

Since South Korea is a hotspot for surgery, and people travel there to have surgery from places like the US, Europe and Australia, I was rather confident they have all the necessary know-how for maybe lasering my eyes. I decided to get free consultation appointments at two of the most renowned (according to internet resources) eye clinics in Seoul. The examinations felt professional and took about 1.5 hours. They came up with same numerical results, yet vastly different interpretations. One clinic advised me to get lens implants (because there might be complications with lasering, since my cornea is not very thick), while the other clinic advised me to get the standard laser procedure (not even the one that preserves more of the cornea), and suggested that getting lens implants would cause me lots of complications and I should forget about that idea. Both refused to provide numerical answers for complication rates, and both refused to talk about the pro and contra of having surgery in the first place. To sum it up, this was clearly a sales pitch, not an attempt to treat a patient. Both that and reading up on the remarkably high complication rates convinced me that for now I will not risk my (with contacts/glasses perfect) eye sight just to get rid of glasses.

The population of South Korea is just over 50 million (on an area over twice as big as Switzerland), with roughly a staggering half of them living in the Seoul Capital Area. Seoul can feel crowded indeed, especially looking at the traffic and room sizes, so I was glad to get out of the city after a week. Just in time for the beginning of a 10-day public holiday period, which virtually never happens in South Korea. Naturally and to my big displeasure every South Korean decided now was the time for travelling (without leaving the country) and visiting family. Here we go, crowded again.  Hostels booked out, trains and buses booked out, whole cities booked out, restaurants and shops closed, horrendous traffic, every touristy destination buried under a mass of selfie-taking Koreans. I learned to get around the worst, at times (reluctantly) booking ahead, taking slow trains and buses, sometimes choosing a less touristy destination. Of the places I visited I liked best (somehow more real) Gwangju, then (touristy) Andong, and (more touristy) Jeonju where half of the people dressed up in traditional garments to walk through the city and take selfies. I was no fan at all of (most touristy) Udo Island, which came with lavish praise, but featured loud touts and a landscape strewn by plastic waste like many places in South East Asia. While usually historic buildings were somewhat disappointing from a western experience perspective, I really appreciated the custom of sitting shoeless on the old wooden floorboards of temples, letting calmness wash over me and beholding the intricately crafted and painted ceilings.

Korean cuisine was largely unknown to me, and I made a point of trying many things, even pork and seafood which I normally avoid. While I very much appreciate Kimbap (their version of Sushi, slightly different rice and seasoning, without raw fish) and like Kimchi (cabbage or radish with chili and other seasonings), I think they generally ruin a lot of perfectly fine dishes by needlessly drowning them in soup. Some dishes in restaurant have to be shared (two persons minimum), this is particularly true for Korean Barbecue restaurants. The South Koreans are also world champions at drinking if you measure it by liquor shots (instead of pure alcohol consumption), something which I'd had no idea of, but is evident in daily life. I think the reason for the big alcohol intake are manifold: Their undisputed favourite, Soju (fermented rice spirit), tastes sweet and to me is much easier to drink than e.g. Vodka, while it still may contain up to 50% alcohol. Koreans like to socialise when going out, they know too many drinking games, have little resistance to peer pressure or social norms, probably feel the need to overcome the aforementioned shyness, and last but not least alcohol is an accepted part even in business (where in a job interview you might have to answer the question of how much alcohol you can handle - there is a standard answer of course).

Trying to rent a car shipwrecked at the enforced requirement of an international driver permit. In other countries I normally didn't even have to show my driver licence, or the international permit requirement was waived in favour of being able to do business. Not so in South Korea. Here you stick to rules. Some of which make sense. While some are plain silly, like all those fences on mountains where you could fall down, having to show a passport for going on 15min domestic ferry ride, being able to buy a SIM at the airport but not the city. Or the imaginary borders on how far you can swim out into the ocean, painstakingly guarded by people in boats with whistles. I propose to retrain those guards to be swim teachers, much more effective in the long run for saving lives than trying to keep everyone in shallow waters.

A Korean who had lived 13 years in China theorised that there are several categories which are steadily increasing from China to Korea to Japan: Longitude, prices, train speed and strictness. Flying to Japan tomorrow, I'm slightly worried about the last. I will try to rent a car again, for which I'll need a Japanese translation of my driver's license (requiring between 1 day and 2 weeks), and see how that goes :).

Dienstag, 26. September 2017

Vibrant Pamir

"Tschu! Tschu!" animiert das kirgisische Pferd theoretisch dazu, schneller zu laufen. Praktisch lässt sich dieses ein paar Sekunden lang anmerken, dass es den Befehl kennt und fällt dann zurück in den alten Trott, der eben kein Trott ist. Gar Galoppieren? Einmal pro Vollmond und bloss unter Protest. Note to self: Reiten in touristischen Gebieten besser anfangs Saison, wenn die Pferde noch frisch sind. Eveline fühlt sich im Schlafwagen und läuft meist lieber nebenher. Die Gegend ist aber schön, und der grosse Song Kul See hat in seiner wilden Weite etwas absolut magisches, vor allem in den farbenfrohen Zeiten wenn die Sonne auf- oder untergeht, und beim ersten Anblick von der  Passhöhe.

Im Kökömeren-Tal holpern wir gefühlt ständig abwärts, der Fluss fliesst trotzdem in die andere Richtung. Unten, äh, oben angekommen finden wir uns an besserer Strasse stehend, hier bringt uns nur Autostopp weg. Nach fünf Minuten werden wir schon aufgeladen von einem Shared Taxi, das uns direkt 10 Stunden bis in den deutlich muslimischeren Süden Kirgistans und dessen Hauptstadt Osh kutschiert. Danach fährt er noch ca. 5 Stunden weiter durch die Nacht - bei uns kriminell, hier offensichtlich normal. In Osh wollen wir die Fahrt über den Pamir Highway organisieren, einer der sagenhaftesten Roadtrips der Welt.

Über 1300 Kilometer, auf Teer, meist löchrigem Teer, Kies, teilweise Sand, führt dieser Teil der Seidenstrasse entlang harscher Landschaft und harscheren Lebensbedingungen durch die ansonsten kaum passierbaren Pamir Berge nach Dushanbe, der Hauptstadt Tadschikistans (oder weiter nach Usbekistan oder Afghanistan, die Definition ist fliessend). Nachdem sich zu meinem Missmut die Self-Drive Optionen als ebenso teuer oder sogar teurer herausgestellt haben und die Grenzkontrollen grenzwertig sein sollen, mieten wir einen 4wd mit Fahrer für 9 Tage, zusammen mit den Münchnern Alex & Dany und dem polyglotten Amerikaner Elvis, die wir in Osh kennenlernen und die alle auch am 23igsten aus Dushanbe weiterfliegen. Pro Person bezahlen wir $260, exkl. unser Essen und Unterkunft, was aber mit ca. $20/Tag billig bleibt. Leider muss bei 6 Personen im Auto jemand auf der Strafbank hinten im Auto sitzen, die wegen LPG Tank kaum Fussraum hat. Ich empfehle rückblickend den Platz und die Kosten weniger stark zu teilen.

Der Pamir liegt hoch, ein guter Teil davon über 4000m, entsprechend geht auch hier die Touristensaison zu Ende. Bereits am zweiten Morgen erwachen wir am Fusse des Pik Lenin (7134m) in einer Jurte, die in einen Schneeschleier gehüllt ist. Über den ersten 4000er Pass der Strecke gelangen wir nach Tadschikistan und zum Karakul See, was für mich der wohl landschaftlich schönste Ort ist, den ich in meinem Leben gesehen habe. Die Farben hier sind exoplanetar, hirnverrückend, foto-orgisch.

Am nächsten Morgen lasse ich meine Kamera (in der Tasche) fallen, normalerweise kein Problem, ich schaue nicht mal nach einem möglichen Schaden. Doch das nächste Bild ist komplett schwarz, und die Linsenkappe ist wieder mal futsch. Ein paar herzschlagaussetzende Bilder später, nur noch ein schwarzer Rand unten. Shutterproblem, ächz. Könnte schlimmer sein. Einen Tag durchs wunderbare Tal zum touristenfreien Rangkul, einige schwermütige bittersüsse schwarzrandige Bilder später, repariert sich der Shutter dank Spiegel zurückklappen und daran herumfiguretlen. Freudentanz!

In Murghab findet der Markt in etwas gar garstig anmutenden alten Frachtcontainern statt, immerhin Recycling. Wir werden minus Elvis in einem einsamen Tal zum Wandern ausgesetzt. Rauf und dann runter ins andere Tal, etwa 4 Stunden, lautet die detaillierte Streckenbeschreibung. Leider hat es geschneit, wir sehen keinen Weg, aber vielleicht kommt das noch, denken wir. Andere, weniger alpinerprobte Leute haben das bestimmt auch schon gemacht, denken wir. Sonst denken wir nicht viel. Was kommt ist ein Kessel, der überall zu steil zum Erklimmen scheint, wir zweifeln ob es hier irgendwo lang geht. So schnell gibt ein Älpler nicht auf. So schnell läuft auch ein Älpler nicht mehr rauf, über 4500m. Ich finde Hänge, die gerade noch gehen. Nach etwa drei Stunden sind wir endlich auf dem Grat. Zuerst freue ich mich über die Aussicht und die trockenere Südseite. Dann sehe ich langsam, dass es überall zu steil ist. Geröllhang, kaum Halt. Traversieren auf schmalem Murmeltierpfaden, würde an verschneiten Klippen vorbeiführen. Wir besprechen es, einigen uns auf's Umkehren, was auch nicht ohne ist, aber immerhin nicht lebensgefährlich. Ich habe Elvis gesagt, wenn wir es nicht bis 14:00 rüber schaffen, müssen sie uns diesseitig abholen kommen. Um 14:30 sind wir wohlbehalten unten. Unser Fahrer Bacha und Elvis sind nicht in Sicht, brauchen wohl noch eine Weile. 15 Kilometer bis zur Hauptstrasse, kein Netz. Besser wir laufen los, ihnen entgegen. Drei Stunden später laufen wir immer noch, stapfen inzwischen Richtung Delirium, das Tal ist endlos. Es haben sich langsam Schreckensszenarien in unsere müden Köpfe geschlichen, Bacha mit unseren Sachen am zurück nach Kirgistan fahren, Elvis irgendwo im Strassengraben. Dummes Zeug.
Dann eine langersehnte Staubfahne hinter uns, ein UAZ Kleinlaster mit Gestrüpp und Kuhdung, wahrscheinlich Heizmaterial. Wir dürfen nach Murghab mitfahren, aber wo sind Bacha und Elvis? Zurück beim Hostel in Murghab ruft die Landlady Bacha an. Ich bekomme den Ausgang des Telefonats nicht mit, denn ich realisiere, dass mir das Handy im Laster aus der Hosentasche gefallen ist. Was für ein Tag. Sie fuhren Richtung Markt, sagt Dany. Ich nehme die Verfolgung auf, rennend. Gerade noch wollte ich keinen Schritt mehr tun. Beim Markt keine Spur von ihnen. Verwinkelte Strassen, amüsierte Blicke. Ich klopfe bei einer Mutter mit fünf Kindern an, in ihrem Hinterhof habe ich sowohl einen ähnlichen Laster wie die Pflanzen erspäht, ist aber nicht der Gleiche. Ich schaue trotzdem auf die Ladefläche, während ich mit gebrochenem Russisch und Zeichensprache versuche die Geschichte zu erklären, sehe mich in diesem Moment aus ihrem Augen und muss über diesen verrückten Ausländer lachen, was der Verrücktheit bestimmt keinen Abbruch tut. Einige weitere Fehlalarme später gebe ich auf, zurück zum Hostel. Dort sehe ich Bacha gerade einfahren, und habe schon fast Frieden geschlossen mit dem verlorenen Gerät. Dann drückt er es mir in die Hand. Nun war offenbar der Laster unten am Hostel entlang zurückgefahren, Eveline sah ihn und jagte ihm mit Bacha im Auto blitzartig nach, welcher den Laster filmreif wegabschneidend zum Stehen zwang, und den armen verwirrten Bauern auf den Pelz rückte indem er sie forsch befragte wo sie das Mobiltelefon versteckt hätten. Schliesslich fand es sich zuunterst auf der Ladefläche. Bacha und Elvis haben die Abmachung falsch verstanden und uns voller Sorge zwei Stunden lang auf der anderen Seite gesucht. Wir vermuten, im falschen Tal abgesetzt worden zu sein. Gegenseitige Vorwürfe weichen aber sofort der allgemeinen Erleichterung, denn alle haben nun alles und einander wieder, so guet. Keine Kraft mehr für Freudentanz, wir fahren durch die Nacht nach Alichur.

Im Kirgistan und Tadschikistan, das ich gesehen habe, herrschen nicht gerade die besten hygienischen Bedingungen. Oft fehlen bei Tee und Konfibrot genügend Geschirr und Besteck, um alle Essenden zu trennen. Zudem sind die Reisenden grossen Höhen- und Temperaturschwankungen ausgesetzt. Nach rund einem Monat Zentralasien holte mich die beobachtete Welle an Magenproblemen und Erkältungen doch noch ein, und liess mich für einen Tag komplett geschwächt zurück. Bacha, der von Beruf Anästhesist ist und nur den Pamir Highway fährt, weil er dabei mehr verdient und den ganzen Winter frei hat, wollte mir eine Spritze setzen, was ich dankend ablehnte. Direkt anschliessend explodierte nach einem neuerlichen Kontaktlinsenversuch meine latente Augenentzündung, und ich entdeckte einen weissen Punkt am Rand meiner Iris. Zeit für einen Doktor, aber die nächste grössere Stadt Dushanbe war noch einen Parforceritt von 14 Stunden entfernt. Also erstmal Antibiotikatropfen aus der Apotheke auf Verdacht. Als die Apothekerin in einem kleinen Kaff bedeutete, es habe um die Ecke eine Klinik samt Augenarzt, trauten wir unseren Ohren nicht. Die Ärztin machte denn auch einen sehr kompetenten Eindruck, was nicht heisst dass ich nicht zögerte, als sie mit anästhetischen Tropfen und einer Nadel zum "Putzen" des Auges auf mich losging.

Es fällt mir schwer, die letzten paar Tage auf dem Pamir von diesen gesundheitlichen Angelegenheiten zu trennen, aber auch die Anderen schienen die Überdosis an Eindrücken, Bergen und rüttelnder Fahrt zu spüren. Zwei volle Tage Regeneration im schönen und friedvollen Dushanbe, und ich habe immer noch Mühe, die Fotos anzuschauen und auszusortieren. Man sollte sich mehr Zeit nehmen für diese Strecke, und sie selber fahren. Die Strassenbedingungen sind anstrengend aber lassen dies durchaus zu. An Orten bleiben, die ein ursprüngliches Banya mit Ofen und Waschplatz haben, anstatt halb funktionstüchtige neuere Installationen. Möglicherweise das Wakhan Valley weglassen oder durch das Bartang Valley abkürzen.

Seit ein paar Tagen bin ich in Seoul und kann Fotos wieder anschauen ohne dass mir flau wird. Ich war auch beim Augenarzt und habe den schlechten Bescheid erhalten, ich könne grundsätzlich keine Kontaktlinsen mehr benützen, was sehr mühsam ist. Deshalb trage ich mich momentan mit dem Gedanken, in Südkorea oder Japan zu lasern... keine einfache Entscheidung.

Eveline ist gut zuhause angekommen, würde aber lieber weiterreisen.

Dienstag, 12. September 2017

Cool Ala-Kul

Nachdem wir den Kirgisischen Nationalfeiertag noch in Bishkek verbrachten, ging es per Shared Taxi nach Karakol im Osten. Shared Taxis bieten meist vom Busbahnhof aus Mitfahrgelegenheiten, was sich als Armutszeugnis für die öffentlichen Verkehrsmittel verstehen lässt (es gibt kaum Züge, bloss unbequeme und teilweise vollgestopfte Minibusse, die vielerorts halten). Shared Taxis werden vor allem von Leuten angeboten, die darauf angewiesen sind die Kosten zu teilen, daher haben die Autos generell zu viele Insassen und zu wenige Sicherheitsgurte, das Lenkrad auf der falschen Seite, den obligaten Sprung in der Windscheibe, und einen Fahrer der zu schnell fährt und kein Wort Englisch spricht. Der Fahrpreis ist dafür teilweise lächerlich tief, für die ca. 6 Stunden Fahrt bezahlten wir je 9 Franken.
                                                               
Karakol wirkt etwas verschlafen, bietet aber eine gute Basis für eine Reihe an Wanderungen. Unsere ging über drei Tage an den Ala-Kul See auf 3600m. Nach einem wirklich harten ersten Tag, an dem ich mir geschworen habe nie wieder mit einem so schweren Rucksack zu wandern, übernachteten wir im Zelt bei einem Camp auf etwa 2800m, wo einige Schichten Kleider und ein guter Schlafsack nötig waren, um dem Frieren zu entgehen. Am zweiten Tag schien der Rucksack leichter, und wir fanden das türkise See-Juwel, den dortigen Gipfel auf 3928m, eine schlichtweg fantastische Aussicht und eine Umgebung die den kirgisischen Marketing Slogan «Switzerland Of Asia» schon fast zum Kompliment für die Schweiz macht (Panorama, auf 2048p umschalten). Der Abstieg auf der anderen Seite war lang, wurde aber durch die heissen Quellen bei den Yurten in Altyn-Arashan versüsst. Der dritte Tag ging durch ein schier endloses Tal zurück Richtung Karakol. Wir staunten dabei einige Male nicht schlecht, was für scheinbar ungeeignete Fahrzeuge sich den brutal felsigen Weg hochkämpfen.

Zurück in Karakol nahmen wir die frühere Einladung vom ziemlich gut Englisch sprechenden Taxifahrer Vadim an, mit uns das beste Ashlyanfu (kalte Mischung aus Weizen- und dicken Glasnudeln, essigsaurer Sosse oder Suppe, Pepperoni, Tomaten, rotem Chili und Fleisch) der Stadt essen zu gehen. Kostenpunkt monströse 40 Rappen. Mir persönlich schmeckt Lagman Boso (Nudeln mit Pepperoni und gebratenem Fleisch) bisher am besten. Eine weitere Spezialität sind Manti, gedämpfte Teigtaschen mit (ja genau) Fleisch und Zwiebeln, wenn man Glück hat aber auch mal mit Kürbis. Während uns die Brühen mit Fleisch und Kartoffeln und Gemüse langsam etwas auf den Zeiger gehen, hatte ich ingesamt zu viel Respekt vor dem Essen hier. Mir schmeckt fettiges Fleisch gar nicht, aber dieses ist etwas weniger omnipräsent, dominierend und unumgänglich als ich befürchtet hatte. Ausserdem ist der Einfluss der Touristen inzwischen doch spürbar, wir wurden manchmal sogar vor dem Essen gefragt, ob wir Vegetarier seien. Überrascht wurde ich vom teilweise sehr guten Brot, hervorragender Konfitüre (die beste besteht aus Aprikosen die kleiner sind als eine Walnuss), und manchmal einer Art cremiger Butter (Kaymak), was zusammen ein Festessen sein kann und in den Yurten praktisch zu jeder Mahlzeit mit aufgetischt wird.

Ein weiteres Shared Taxi brachte uns zum Skazka (aka Fairytale) Canyon, einem Ort der mich unheimlich an den Bryce Canyon in Utah erinnerte. Etwas weniger gross und eindrücklich, aber ähnliche seltsame Farben und Gesteinsformationen, die ich damals als einzigartig vermutet hatte. Es wäre interessant zu wissen, welche äusseren Umstände zu dieser Landschaft führen, und wo es sie sonst noch auf der Welt gibt. Als wir dort waren drehte eine kirgisische Popsängerin in rosarotem Kleid gerade ein Video für ihren Song, in einer skurrilen Kombination mit der sowieso schon surrealen Umgebung.

In Bishkek hatte ich von jemandem gehört, dass Lastwagen in Kirgistan eigentlich immer anhalten für Autostopper, und so zögerte ich nicht, zurück auf der Hauptstrasse ankommend einen ächzenden rostblauen Kiestransporter zuzuwinken. Es folgte einer der lebendigsten und erfülltesten Momente dieser Reise bisher, was wohl schwerlich in Textform oder sonst irgendwie nachvollziehbar rüberzubringen ist. Zusammen mit den Rucksäcken ein rüttelndes Führerhaus gezwängt, gegen vorne kaum Sicht, den Motorengestank in der Nase, links der stille kaukasische wettergegerbte Fahrer, rechts das Ufer des riesigen Issyk-Kul See vorbeiziehend. Den Motor übertönend Musik, die nicht besser zu diesem Moment aus einer anderen Zeit hätte passen können. Unter anderem L’Ete Indien von Paul Mauriat (es lebe Shazaam!;), das Original stammt von Joe Dassin, ist unten abspielbar.

Wir gingen im ziemlich kalten, leicht salzigen und sehr klaren See baden, gegen Abend blieben wir im Dorf Bokonbayevo. Dort strömten an diesem Tag gerade zahlreiche Touristen zusammen, um am nächsten Tag dem Salburun beizuwohnen, einem Festival der kirgisischen Traditionen und Kultur. Wir hatten schon davon gehört, und liessen uns von der enthusiastischen Hostess schliesslich trotz gewisser Skepsis überzeugen, dass man dies nicht verpassen sollte. Die ästhetisch ansprechenden Vorführungen mit Adlern, Bogenschützen und Reitspielen zum Ende hin entschädigten grösstenteils für organisatorische Unfähigkeiten und einen harzig verpäteten Beginn, wirre Reden (auch von Sponsoren, einem katarischen Scheich und einem neuseeländischen Vertreter von USAID), eindeutig marketingorientierten Abläufen (gefilmt wurde vor allem das Publikum) und leicht fremdschämige Darbietungen. Die Rückfahrt war ein tragisch-komisches Sinnbild der Organisationsschwierigkeiten, mangels verfügbaren Taxis wurden wir zur Freude aller einheimischen Passanten mit anderen Touris in einem Viehtransporter zurückgekarrt.


Kroatisch-deutsche Vater und Sohn nahmen uns vom Hostel in Bokonbayeva fast bis Kochkor mit, von wo aus wir einen dreitägigen Horsetrek unternommen haben, davon bald mehr.